Clara Haskil (1895-1960)


Drei Große Pianisten


Clara Haskil (1895-1960)

Der international bekannte Klavierpädagoge Peter Feuchtwanger würdigt die Große Pianistin, eine der führenden Mozartinterpretinnen des 20. Jahrhunderts aus Anlass ihres 50. Todestages.

“Nie, und auch nicht bei meinen berühmtesten Kollegen, bin ich je solch unfaßbarem, verwirrendem, ja bestürzendem Vermögen und pianistischer Selbstverständlichkeit begegnet - es manifestierte sich in einem absolut spontanen, und damit einhergehend unvorhersagbaren, natürlich-musikalischen Fluß. Was andre durch Arbeit, Nachforschen und Reflektion zu erreichen versuchten - all das offenbarte Clara der Himmel - ohne jede Schwierigkeit. ”

Das sagt ihr guter und enger Freund Nikita Magaloff. Nicht weniger enthusiastisch äußerten sich andre Kollegen und Kritiker: Dinu Lipatti beschrieb ihr Spiel als "die Summe aller Perfektion auf Erden", Rudolf Serkin nannte sie “Die Perfekte Clara” - ihr selbst war das natürlich ausgesprochen peinlich; die herzlichste Bewunderung der allerfeinsten Musiker des Jahrhunderts war ihr gewiß, die Anerkennung des allgemeinen Publikums, der internationale Ruhm widerfuhren ihr allerdings erst sehr spät.

Clara Haskil kam auf die Welt als Kind sephardischer Juden, in Bukarest am siebten Januar 1895; schon früh erheischte ihr außerordentliches Talent Aufmerksamkeit: Ihr Onkel, der sich nach dem Tode des Vaters um die Erziehung kümmerte, brachte sie zu Anton Door, der mit Brahms und
Joachim befreundet war, Clara Schumann noch gekannt hatte, und am Wiener Konservatorium lehrte - er beschreibt seine erste Begegnung mit dem Mädchen in der Neuen Freien Presse:

“Das Kind ist ein Wunder. Sie hatte nie irgendwelchen Unterricht - abgesehn davon, daß man ihr die Namen und Werte der Noten gezeigt hatte. Mehr war ganz offensichtlich nicht nötig: Sie spielt jedes Stück, das ihr einmal vorgespielt wurde, ohne jeden Fehler nach, ganz ihrem Ohr vertrauend - und sie tut das in jeder Tonart. Es scheint unfaßbar, solche Leistung eines menschlichen Hirns in diesem Alter ist unheimlich.”

Ihr Klavierstudium begann 1903, und bald versetzte sie Wien mit der Aufführung von Mozarts A-Dur Konzert KV 488 in helle Aufregung. Beeindruckt war auch Gabriel Fauré, der Direktor des Conservatoire de Paris - im Jahre 1905 wurde sie dort aufgenommen. 1907 kam sie in die Klasse Cortots, und drei Jahre später machte sie den Abschluß mit dem ersten Preis. Fortan gab sie Konzerte in Frankreich, Italien, der Schweiz, und Bukarest (Sie erzählte, wie sie einmal für einen verhinderten Kollegen einspringen mußte, und auf der Zugfahrt nach Bukarest das gesamte Programm, welches ausschließlich ihr bis dahin unbekannte Stücke umfasste, auswendig lernte, um es am Abend - ohne Ansicht der Noten - zur Aufführung zu bringen.). Busoni hörte die Sechzehnjährige, und - zutiefst beeindruckt von ihrem Spiel - lud sie ein, mit ihm in Berlin zu studieren. Jedoch lehnte die Mutter das Angebot mit dem Verweis auf die Jugend der Tochter ab. Der erste einer Reihe vieler schwerer Rückschläge setzte ihrer Konzert-Karriere ein plötzliches Ende, als sie 1913 gezwungen war (und damit für die nächsten vier Jahre), ein Gips-Korsett zu tragen, das der Verschlimmerung ihrer Skoliose (einer Verbiegung der Wirbelsäule) Einhalt gebieten sollte.

Obwohl sie später als die führende Mozart-Spielerin angesehen wurde, waren es doch die hervorragenden Aufführungen solcher Werke wie Islamey, Das große Tor von Kiew, Feux Follets, und das Brahms'sche B-Dur-Konzert (welches sie in zwei Tagen einstudierte!), die ihre jüngeren Jahre begleiteten und sie auszeichneten. Sie lernte Feux Follets, als sie Vlado Perlemutter das Stück bei einer privaten Soirée spielen hörte - ein paar Tage später trug sie es selbst auf ihrem nächsten Konzert vor. Später bekannte sie, die Partitur nie gesehen zu haben! Rachmaninoffs Études-Tableaux Op.33 Nr.2 und Scriabins Prélude op.50 Nr.2 lernte sie auf gleiche Weise, als sie 1956 Horowitz in New York besucht und er ihr vorgespielt hatte. Zu Hause in Vevey machte ihre Schwester Lili zwei Monate später (wie so oft drückte sie im Geheimen die Aufnahmetaste ihres einfachen Tonbandgerätes) einen Mitschnitt; sie fragte Clara, was sie soeben gespielt habe, und ob sie die Noten einmal sehen dürfte. Und auch der Schwester gestand Clara, diese nie gesehen zu haben. Das denkwürdige Ergebnis kann heute noch gehört werden: auf der CD Tah 366 Hommage à Clara Haskil et à Dinu Lipatti, respective der neueren Ausgabe Tah 2.366/2.367

Von klein auf liebte sie die Violine: Die große Kunst Joseph Joachims rührte sie zu Thränen. Der Schweizer Geiger Peter Rybar erinnert eine Begebenheit 1944 in Winterthur, wo während einer Proben-Pause Clara eine Geige nahm, und das Violin-Konzert Mendelssohns anstimmte. Rybar glaubte, seinen Ohren nicht zu trauen: Ihr Spiel war perfekt, mit makelloser Phrasierung und Intonation, und - die Krönung des Ganzen: ein wunderbarer, exquisiter Klang. Nun aber hatte sie lediglich für drei Jahre Geigen-Unterricht genossen, und geübt hatte sie ausschließlich an den Tagen ihres Unterrichts! Und jederzeit begleitete sie die großen Streicher - unter ihnen Ysaye, Enesco, Fournier, Casals, Szigeti, Menuhin, Stern und Grumiaux.

Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs unterbrach ihre Karriere ein weiteres Mal. Kurz nach der zermürbenden Flucht aus dem besetzten Paris in die südliche freie Zone, begann sie unter Wahrnehmungsstörungen (Doppel-Sehen) zu leiden, welche zudem mit schwerem Kopfschmerz einhergingen - als Ursache wurde ein auf den Sehnerv drückender Tumor diagnostiziert. Ein Arzt, der aus Paris geschmuggelt werden mußte, unternahm die Operation, die – entgegen aller Wahrscheinlichkeit - erfolgreich verlief. Als die Nachricht eintraf, die Deutschen wollten auch den Süden besetzen, gelang Clara Haskil mit der Hilfe einflußreicher Bewunderer die Flucht in die Schweiz.

Die letzten zehn Jahre ihres Lebens bescherten Clara Haskil - und niemand war darüber mehr erstaunt als sie selbst - weltweite Anerkennung. “Plötzlich will jeder mich hören – dabei spiele ich doch überhaupt nicht anders als zuvor!” Nach ihrem Auftritt beim Salzburger Festival 1954 schrieb Hans Keller: “Haskil spielte Mozarts großes A-Dur Konzert 488, wobei sie weder ihre Virtuosität, noch ihre große Bescheidenheit zur Schau stellte: die allerseltenste Vollendung eines Künstlers.” Anläßlich des Vortrags des gleichen Konzerts in der Royal Festival Hall in London 1958 sagte die Times: “Sie entkleidete die Musik aller Vergänglichkeit und ließ nur das Ewige gelten." Niemand, der sie damals hörte, wird je vergessen, wie ein gesamtes Auditorium in Schweigen verfiel und Stille war, als ihre gebeugte Gestalt mit beinah fließendem Gang auf dem Podium erschien, wie sie vor der Tastatur kauerte, und dem Instrument Klänge überirdischer Schönheit entlockte.

Bei ihrer Ankunft in Brüssel im Dezember 1960, gemeinsam mit ihrer Schwester Lili, ein paar Tage, nachdem sie Arthur Grumiaux auf einem triumphalen Konzert in Paris begleitet hatte, verlor Clara auf der steilen Treppe des Bahnhofs den Halt, und stürzte hinab. Bewußtlos wurde sie ins Krankenhaus gebracht, wo die Ärzte um ihr Leben kämpften. Für kurze Zeit erlangte sie ihr Bewußtsein zurück, und sprach mit Lili, und ihrer jüngeren Schwester Jeanne, die in aller Eile aus Paris herbeigeholt worden war, und bat darum, sie mögen bitte Grumiaux ihre Entschuldigung ausrichten, daß sie ihn nicht am Tag darauf begleiten könne. Sie hob schwach ihre Hände und sagte mit mattem Lächeln: “Wenigstens hab ichs geschafft, die nicht zu verletzen!” In den frühen Morgenstunden des siebten Dezember des Jahres 1960 starb Clara Haskil.

MUSICAL OPINION NOVEMBER-DECEMBER 2010

Deutsche Übersetzung mit einigen Ergänzungen: Stephan Werndt

 

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