Kathleen Ferrier

Zum hundertsten Geburtstag in tiefer Verehrung

Von Peter Feuchtwanger

Schon bald nach meiner Ankunft in England durfte ich Bachs Matthäus- Passion hören, Kathleen Ferrier war eine der Solisten. Die Sängerin war mir unbekannt - Ihre Stimme erklang, und meine Augen füllten sich mit Tränen. Wann immer es mir danach möglich war, besuchte ich ihre Konzerte in England und Europa. Solch tiefen Eindruck hat auf mich nur ein weiterer Musiker gemacht: die rumänische Pianistin Clara Haskil.

Das erste Mal begegnete ich Kathleen Ferrier hinter den Kulissen der Royal Albert Hall. Es gelang mir, ein paar wenige bewundernde Anmerkungen zu machen, die sie mit ihrem strahlenden Lächeln bedachte – hinter der Bühne war sie so wunderschön wie auf derselben. Herzlich und warm nahm sie meine Hand, und sagte in ihrer bescheidenen Art: „Ich bin so glücklich, daß es Dir gefallen hat, mein Schatz.“

Nachdem er dirgiert hatte, gab Bruno Walter in der Gaderobe der Zürcher Tonhalle ein Interview. Ich hörte ihn sagen, die höchsten Erfahrungen seines Lebens seien die Begegnungen mit Kathleen Ferrier und Gustav Mahler gewesen (in ebendieser Reihenfolge). Mir wurde das Glück zuteil, während meines Studiums am Konservatorium in Zürich in der Klasse der hochgerühmten deutschen Sopranistin Ria Ginster begleiten zu dürfen. Sie hatte den gleichen Lehrer wie auch der Bariton Heinrich Schlusnus und die Altistin Sigrid Onégin. Oft lenkte sie die Aufmerksamkeit der Schüler ihrer Meister-Klassen auf die Stimme Kathleen Ferriers, als leuchtendes Beispiel einer ideal natürlichen Art und Weise des Gesangs.

In Frankreich besuchte ich den Unterricht Nadia Boulangers, einer weiteren außerordentlichen Musikerin. Und auch sie hielt Kathleen Ferrier in allerhöchsten Ehren, ihre Bewunderung war weithin bekannt: wie oft sprach sie in ihren Meister-Klassen von Kathleen Ferrier als „die Stimme“, wie oft verwies sie auf ihre Aufnahmen. Von Zeit zu Zeit flocht sie Kommentare ein: „Nun hören Sie genau zu – wir begegnen hier dem 'sine qua non' des Gesangs: der Kunst, die Stimme in höchster Schlichtheit erklingen zu lassen. Vollkommen natürlich, ohne jede künstliche Vorbereitung, ganz und gar selbstverständlich. Beachten Sie das Fließen des Klanges in den Raum, vollendet und ohne das geringste Hindernis der Idee folgend. Ich kann mir gut vorstellen, wie ihre Stimme einfach und anstrengungslos vom Sprechen ins Singen hinübergleitet, so, als gäbe es einen Unterschied zwischen Beidem überhaupt nicht – Ein wunderbarer Vogel im Fluge!

Etwas außergewöhnlich Seltenes: Eine Stimme, die sich einfach entschließt, in den Gesang abzuheben. Und welch ein ungemeiner Reichtum der Klänge, die ihr gelingen, mühelos und ohne Anspannung. Denken Sie nach: Gab es jemals einen ähnlich begnadeten Sänger? Ich bezweifle es stark. Von allem Anfang bis zum Schluß – jede Pause, jeder Bogen, jede Phrase am richtigen Ort, als ob es nie etwas zu lernen gegeben hätte. Die Stimme folgt sich selbst allein – Unfaßbar!“ Boulanger macht ein Pause, leicht verwundert ob der eignen Worte, schüttelt den Kopf, und fährt fort: „Sehn Sie, Ferrier hat das gleiche Verständnis von Brahms Sapphischer Ode und einer simplen Ballade. Und so ist es unmöglich, nicht aufs Tiefste berührt zu sein von dieser entwaffnend schlichten Auffassung und ihrer unvergeßlichen Stimme.“ Boulanger vergaß nie, von Mahlers Das Lied von der Erde zu sprechen. Sie sagte: „Ferriers Stimme vermag beides: erquickende Rast und endgültige Ruhe. Zuzeiten tröstet sie uns auf ihrer erhaben ernsten Reise des Abschieds von der 'Lieben Erde' - 'Ewig, ewig'...“ Das sind einige wenige meiner Erinnerungen an Nadia Boulangers Worte zu Kathleen Ferrier.

Würde ich selbst als Musiker nach der größten Alt-Stimme seit Aufkommen unserer Aufnahmetechnik gefragt werden, ich zögerte nicht, Kathleen Ferrier an allererster Stelle zu nennen – nicht allein um ihrer Stimme Willen, sondern auch wegen der ihr eigenen Musikalität. Es sei lediglich daran erinnert, daß Sie vor ihrer Karriere als Sängerin bereits als professionelle Pianistin Wettbewerbe gewonnen hatte. Ihre extraordinäre Musikalität offenbart sich vollends in den Lied- und Oratorien-Aufnahmen.

Ihrer Stimme war es gegeben, allen Ernst der Werke der großen Komponisten auszuloten, und zugleich leichten Herzens ein fröhliches Volkslied zu singen. Endlich war es Bruno Walter, Mahlers Protegé, der, indem er sie in dessen Kindertotenlieder und Das Lied von Der Erde, der Symphonie des Abschieds, einführte, letzte Hand anlegte, allen Facetten und Schattierungen ihrer Gefühlstiefe Ausdruck zu geben.

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Kathleen Ferrier


Kathleen Ferrier führte das Werk das erste Mal 1947 mit Bruno Walter beim Edinburgh Festival auf, dann, wiederum gemeinsam, 1948 in der Carnegie Hall. Es erwies sich als ideales Medium für ihre hypersensitive Persönlichkeit und Stimme, und zu jener Zeit fand ihr Genius dauerhafte Erfüllung in diesen tragischen Werken von Tod und Leben.

Allerdings erscheint es nicht wenig unheimlich, in welch kurzer Zeit ein einfaches Mädchen vom Lande, wiewohl unter Anleitung eines Bruno Walter, ein solch tiefes und umfassendes Verständnis der gespenstisch eindringlichen Kompositionen entfaltete, zu deren führender Protagonistin sie geworden war.

Kathleen Ferrier hatte bis dahin mit dem London Philharmonic Orchestra unter Leitung Sir Adrian Boults herausragende und unübertroffene Aufnahmen der Arien Bachs und Händels eingespielt, die dem Schatz der musikalischen Überlieferung auf ewig zugehören. Immer wird man in diesen Arien der unfehlbaren Musikalität gewahr und dem unbeirrbaren Gespür für die offenbar einzig wahre Weise, die heiligen Werke erklingen zu lassen. Jederzeit ist die Stimme völlig unangestrengt und klar – ein reich fließendes Instrument. Elisabeth Schwarzkopf erzählt von Herbert von Karajan, und wie er weinte, als Kathleen Ferrier sang und er Bachs Agnus Dei der h-Moll-Messe 1951 in der Mailänder Scala dirigierte.

Wäre sie noch am Leben, sie hätte am 22sten April dieses Jahres ihren hundersten Geburtstag gefeiert. Es wird ein Mysterium bleiben, wie ein junge Frau, die im Alter von 41 Jahren sterben mußte, innerhalb nur eines Jahrzehnts die höchsten Gipfel der Kunst erklomm. Natürlich kann man auch weiterhin fragen, wie eine Kathleen Ferrier überhaupt erschaffen wurde und sich ereignete.

Zunächst einmal war sie selbst ihr eignes Geschöpf – soviel ist sicher. Aber woher entstammt all das: die ungeheure Tiefe des Gefühls? Die allerhöchste Künstlerschaft? Ihr Vater war Schuldirektor, und Winifred, die ergebene Schwester, auch Lehrerin, die in späteren Jahren als Einkäuferin für eine Bekleidungs-Firma arbeitete. Kathleen Ferrier hatte einen deftigen Sinn für Humor, und liebte die fröhlichen Seiten des Lebens. Was die Frage gestattet, ob es nicht etwa den übermächtigen Gewalten ihrer Seele zum Schutze diente?

Welche Antwort man auch geben wird – ihr Genius wird immerfort ein Rätsel sein. Man kann sagen, sie sei wie durch Zauberhand in unsrer Mitte erschienen - einem Kometen gleich, der vor der Zeit erlosch. Kathleen Ferrier hat nur zwei Opern gesungen: Brittens Der Raub der Lukretia, und Glucks Orpheus und Eurydike. Eine holländische Aufnahme des letzteren Werkes gibt uns eine Vorstellung ihrer dramatischen Kräfte.

Orpheus, Covent Garden 1953

Elaine Thomas oberste Reihe stehend

Peter Feuchtwanger, Colin Deane, Lady Helen Marks

Michael Garady, Winifred Ferrier


Mein Freund, der Maler Michael Garady, hatte 1978 in London Tennessee Williams dazu ermuntert, einige Gedichte zu Ehren Kathleen Ferriers zu verfassen, und glücklich gelang ihm der neuerliche Kontakt zur vormals britischen Ballerina Elaine Thomas, die heute als Lehrerin des jungen, aufstrebenden Tanz-Theaters Tennessee arbeitet. Elaine tanzte in den beiden letzten legendären Aufführungen des Orpheus am Royal Opera House, Convent Garden.

Einleitend sagt sie: „Es ist mir so gut wie unmöglich, über Kathleen Ferrier zu berichten, ohne in Superlativen zu sprechen.“ Und so vergegenwärtigt sie ihre Erfahrungen von damals: „Ich glaube nicht, daß ich jemals vergessen werde, und auch nicht nach all der Zeit, welch überaus tiefen Eindruck Kathleen Ferrier auf mich machte und in mir hinterließ. Sie war eine Frau von großer körperlicher Schönheit, und sie war sehr charmant. Sie besaß eine wunderbare Bühnen-Präsenz und Ausstrahlung, im wahren Sinne des Worts. Ich selbst und zwei weitere junge Tänzerinnen, die Australierin Margaret Lee und Valerie Reece aus England, waren bestimmt worden, in den beiden Aufführungen, die für 1953 unter John Barbirolli angesetzt waren, neben Kathleen Ferrier auf der Bühne zu erscheinen. Für die kurze Dauer unseres Engagements nahm sie uns sozusagen unter ihre Fittiche. Wir wußten nicht im Geringsten um ihre tödliche Krankheit, obwohl wir bemerkt hatten, wie sie von der Bühne hinkte, und auch auf den Proben, bei denen sie allezeit sehr aufmerksam und mit äußerster Sorgfalt darauf achtete, daß wir Tänzer unsere korrekten Plätze neben ihr auf der Bühne fanden. Sie war immerzu die Freundlichkeit selbst – was man nicht erwartet von einer der Hauptpersonen des Theaters. Auf Photographien sieht man mich zu ihrer Rechten, im Fortgang der Oper auf der linken Seite.

Während dieser beiden ersten und letzten Aufführungen war sie ein Bild der Anmut, und nie verriet auch nur das kleinste Anzeichen die furchtbare Krankheit, die bereits von ihr Besitz ergriffen hatte. Wenn sie zur Anhöhe in der Bühnenmitte schritt, die Laute im Arm, auch auf ihrem Weg zurück – sie tat dies mit aller Grazie eines Tänzers. Für uns junge Mädchen waren es große Lehrstunden, die uns einen anderen, besonderen Einblick in das Theater gewährten, ganz zu schweigen von den Einsichten in Glucks Meisterwerk, dessen Drama sich vor unseren Augen entfaltete. Richard Buckle, der Ballett-Kritiker zu dieser Zeit, erkannte es nur zu genau, als er schrieb, Kathleen Ferrier habe sich selbst die Rolle einer Tänzerin zugesprochen. Letzten Endes war es für uns und die gesamte Besetzung ein grausamer Schock, als klar wurde, daß diese göttliche Frau, die da unter uns ging und sang, zu Tode erkrankt war.

Nach der zweiten Aufführung, am 6. Februar, mußte sie unter großen Schmerzen von der Bühne geleitet werden, und sie bat ihre Schwester, ihr eine Bahre bringen zu lassen. Ihr Oberschenkel war gebrochen, sie konnte nicht länger mehr laufen. Ich habe mir die Beschreibung ihrer Stimme zum Schluß aufgespart: Für mein Begreifen war diese Stimme nichts Anderes als ein Wunder. Kathleen gilt heute den Wissenden als musikalische Legende, und ich weiß den Grund dafür. Eine große Stimme, ein großer Mensch; und es ist mir eine große Freude, davon aus erster Hand berichten und Zeugnis ablegen zu können. Ihr war die Stimme, die ganz unmittelbar die Herzen berührte, über alle Maßen reich und voller Kraft klang sie durch das Royal Opera House, Convent Garden, von überirdischer Schönheit, das Glorreichste, das einem bloß Sterblichen je gegeben war. Reich und rein, himmlisch und zutiefst bewegend – ideal für Orpheus, den Helden Glucks. All das wunderliche Geschehen damals um uns herum schien surreal, und machte mich ein wenig schwindlig. Ihre Stimme, und die ungeheuer vielfältigen Kombinationen, die sie hervorbrachte, von welchen wir nur hoffen können, ihnen in unseren Träumen zu begegnen:

Die wundervolle Musik. Das gebannte Auditorium. Die Schar der Sänger. Die Tänzer. Die Zeit stand still. Wir waren ganz umhüllt von einem umfassenden Mysterium, dem Charisma und dem Geist einer selten großen Künstlerin. Denke ich die langen Jahre zurück, so gab es niemanden, der je Kathleen Ferriers Platz hätte einnehmen können.

Wie wenig hatten wir geahnt, an diesem letzten tragischen Abend, als wir zu Zeugen bestimmt wurden des Unvergeßlichen, als die Schönste der Stimmen, die sobald verstummen sollte, zu jedem Einzelnen von uns sang, ihr Herz verschenkte für unsere Tränen. Wir waren gesegnet durch eine heilige Wesenheit. Im Rückblick möchte ich glauben, daß Orpheus Suche nicht vergeblich war: Kathleen hatte ihre Eurydike gefunden.“

Kathleen Ferrier

Zeichnung von Michael Garady


Che puro ciel [Gluck: Orphée] Nachwort von Michael Garady

Nach ihrem zweiten und letzten Auftritt im Orphée mußte Kathleen wieder ins Krankenhaus zur weiteren Behandlung. In den folgenden Monaten schien ihr Zustand sich zu bessern – zumal Winifred ein Apartment gefunden hatte, dessen Zugang zum Garten ohne Treppen auskam. Kathleen verbrachte viele glückliche Stunden im Garten, in der Sonne. Im April feierte sie mit Freunden ihren 41sten Geburtstag. Im Mai wurde ein nächster Krankenhausaufenthalt notwendig.

Die Monate danach litt sie große Schmerzen und ihre Gesundheit begann mehr und mehr zu schwinden, Trotz alledem bewahrte sie ihr tapferes Angesicht und war, so oft es ihr nur möglich, mit ihren Freunden. Am achten Oktober verstummte ihre goldenen Stimme für immer. Dies waren Kathleens letzte Worte zu ihrer Krankenschwester Bernie Hammond: Wäre es nicht schön, wenn ich einschlafen dürfte und nicht mehr aufwachte.


Die Übertragung aus dem Englischen besorgte Stephan Werndt

Eine PDF Version dieses Aufsatzes steht ebenfalls zur Verfügung.
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