Höhenflug im Angesicht des Todes

Drawing: Michael Garady



Höhenflug im Angesicht des Todes

(Der Titel zur englische Originalausgabe dieses Artikels ("Flying in the face of death") ist der Herausgeberin der Zeitschrift "Classical Piano", Jessica Duchen zu verdanken.)
Der Pianist und Lehrer Peter Feuchtwanger erzählt von seinen persönlichen Erinnerungen an Musik, Persönlichkeit und gefahrvolle Leben der in Rumänien geborenen großen Pianistin Clara Haskil, die im Jahre 1995 ihren hundertsten Geburtstag gefeiert hätte.
Die Porträtzeichnung von Clara Haskil stammt von Michael Garady
Original: CLASSICAL PIANO, MAI/JUNI 1995 Übersetzung: Thomas Mennicken


Clara Haskils ganzes Leben war von der Furcht vor zwei Dingen beherrscht: Am größten war ihre tiefverwurzelte Furcht vor dem Klavierspielen und am zweitgrößten die Furcht, sterblich zu sein. Und tatsächlich vermag ihr Klavierspiel die tiefe Erkenntnis zu vermitteln, dass unser aller Zeit unerbittlich und mit erschreckender Schnelligkeit verrinnt.
Genau dies ist der Grund, warum sich ihre Interpretation der dritten und letzten der drei A-Moll-Sonaten von Schubert (D 845) so unauslöschlich ins Gedächtnis einprägt. Wie auch in vielen anderen seiner Kompositionen, versucht Schubert in diesem tragischen Stück verzweifelt, auf die für ihn so charakteristische Weise das Verrinnen der Zeit aufzuhalten.
Zum ersten Mal erlebte ich Clara Haskils unvergessliche Interpretation dieser Sonate im privaten Kreise und später erneut im September 1956 bei Clara Haskils denkwürdigem Auftritt auf dem Besançon-Musikfestival. Als Clara, zerbrechlich und gebeugt und mindestens 20 Jahre älter wirkend, als es ihr mit ihren 61 Jahren eigentlich zustand, die Bühne betrat, war die starke Krümmung ihres Rückgrats deutlich sichtbar. Diese Behinderung war aufgrund einer heftigen Skoliose in ihrer Jugend entstanden, und sie hatte aufgrund dieser Erkrankung vier Jahre lang ein Gipskorsett tragen müssen.
Später erfuhr ich, dass sie vor und während des Auftritts unter starken Rücken- und Kopfschmerzen litt - einem hohen Maß an körperlichem Unbehagen, das zweifellos einen Großteil zu ihrer an diesem Tage zu beobachtenden heftigen Anspannung beitrug. Von Kopfschmerzen, dem Fluch ihres Lebens, wurde Clara bereits seit dem Jahr 1941 gnadenlos heimgesucht. In diesem Jahr hatte sie sich einer Operation zur Entfernung eines auf den Sehnerv drückenden Tumors unterziehen müssen. Damals musste eigens ein jüdischer Chirurg aus dem von Deutschland besetzten Paris in das unbesetzte Marseilles geschmuggelt werden, um diesen extrem riskanten Eingriff durchzuführen.
Wie Clara Haskil zusammen mit einer kleinen Schar von Musikern des Orchestre National die Flucht aus Paris ins unbesetzte Frankreich gelang, wird von A. E. Inghelbrecht, ihrem Dirigenten, berichtet:
"Wir verließen Paris des nachts vom in schmutziges Dunkel gehüllten Bahnhof Montparnasse aus, und stiegen vor Beginn der Dämmerung in Angoulême aus dem Zug. Unser Gepäck hatten wir bereits vorausgeschickt, da wir mit einem langen Fußweg rechneten, und daher nichts Schweres tragen wollten. Auf dem kalten und dunklen, unheimlichen Bahnhof von Angoulême drängten wir uns dicht aneinander und unterhielten uns flüsternd, bis endlich der Menschenschmuggler erschien, der uns quer durch Feld und Wald in die freie Zone bringen sollte.
Ein Taxi brachte uns bis zum Waldrand, wo wir die wenig beruhigenden Anweisungen unseres Führers entgegennahmen. Er hatte ganz offensichtlich Angst und erklärte uns, dass die Gefängnisse der Umgegend voll mit Leuten wie uns steckten, die erwischt worden wären.
Ganz besonders gefährlich war eine bestimmte Straße, die wir kriechend überqueren mussten, da sich in der Nähe unseres Überganges deutlich sichtbar eine deutsche Polizeistation befand. Es war Ende März. Der Wind war kalt, aber der Frühling hatte schon begonnen. Im Wald wuchsen Veilchen und die Vögel sangen, doch waren wir nicht in der richtigen Stimmung, um diesen Morgenspaziergang zu genießen. Auf jedem Straßenschild war ein Totenkopf mit gekreuzten Knochen abgebildet und darunter bedrohten grimmige Warnungen jeden mit Strafe, der sich in diese verbotene Zone wagte. Unser Führer schob sein Fahrrad neben sich her und wir folgten im Gänsemarsch. Le Guillard trug seine Bratsche und Claras Koffer, da sie nach der schlaflosen Nacht körperlich und seelisch am Ende war. Wir alle trugen mehrere Mäntel übereinander und meine Frau hatte unsere Katze in einem Körbchen dabei. Unsere Herzen klopften laut, aber endlich hatten wir auch jene besonders schreckliche Straße überquert. Ich erinnere mich noch, dass uns unser Führer genau in dem Moment, als unsere Katze zu miauen anfing, erklärte, auf welchem Weg wir wieder auf die Eisenbahnlinie stoßen würden, seine Belohnung einstrich, auf sein Fahrrad stieg und so schnell wie möglich verschwand.
Erleichtert und beruhigt, dass wir diese unangenehme Erfahrung überlebt hatten, trafen wir bald auf einen Bauernhof, dessen gastfreundliche Bewohner an das regelmäßige Auftauchen von Leuten wie uns gewöhnt waren und uns etwas zu essen gaben. Wir schliefen in Limoges und erreichten Marseilles einen Tag später. Clara bewies während dieses ganzen Abenteuers großen Mut und Ausdauer, wodurch sie ihre Erschöpfung trotz ihres bedenklichen Gesundheitszustands überwinden konnte."
Rückblickend auf ihren Auftritt in Besançon, erinnere ich mich lebhaft an Claras extreme Nervosität und Angespanntheit, die sich auf den ganzen Saal übertrug. Wieder und wieder verstellte sie die Höhe des Klavierschemels, als ob dies das einzige Mittel sei, mit dem sie den gefürchteten Beginn des Konzertes noch herauszögern könnte.
Aber bereits mit den ersten wenigen Takten des Themas von Mozarts Duport-Variationen, K 573, mit denen das Konzert begann, wurde der Zuhörer in eine jenseits allen Verstandes liegende Welt der reinen Musik entrückt. Eine englische Zeitung beschrieb das Konzert später als: "Mozart für Götter".
Nach dem Verebben des frenetischen Beifalls wurde Beethovens Sonate in Es-Dur, Op. 31, Nr. 3, mit einer derart umfassenden und erschreckenden Eindringlichkeit gespielt, wie ich es noch nie zuvor gehört habe und auch nicht erwarte, jemals wieder zu hören.
Besonders das Scherzo in 2/4 (gespielt mit Galgenhumor und unerbittlichem Vorwärtsstreben) und der letzte Satz des Presto con fuoco tarantella, der auf ein höchst ruhig gespieltes Menuetto folgte, zwang das Publikum förmlich auf die Stuhlkanten, eine fast unglaubliche Bravourleistung, wenn man bedenkt, in welcher geschwächten körperlichen Verfassung sich Clara Haskil befand.
Nach der Pause hörten wir die bereits erwähnte Schubert-Sonate, auf die als Abschluss des Programms die Kinderszenen von Schumann folgten. Auch an dieser Komposition bewies sich erneut Haskils seltene Fähigkeit der vollkommenen Identifikation mit dem vorgegebenen Thema, in diesem Falle mit der schwer zu fassenden und magischen Welt des Kindes.
Hilary Finch bringt es in einer in der Times (vom 28. Januar 1995) erschienenen CD-Besprechung wie folgt auf den Punkt: "Haskil gehört zu den seltenen Künstlern, denen es zu gelingen scheint, Zugang zum traumähnlichen Bewusstsein des Kindes zu finden, ein Bewusstsein, dass noch keine Abspaltung von der instinkthaften Welt der Pflanzen und Tiere erfahren hat. Brillante Fingerarbeit, mutige Spontanität und die Feinheit der dynamischen Nuancen lassen jeden einzelnen vorüberströmenden Moment der Freude und des Flehens, des Spieles und des Traums lebendig wirken."
Als erste Zugabe bot Haskil eine elektrisierende und auf angemessene Weise sehr spanisch klingende Fassung einer Scarlatti-Sonate in Es-Dur, die uns durch ihre flamenco-artige Melodieführung und Rhythmik verdeutlichte, dass Scarlatti, obwohl gebürtiger Italiener, praktisch alle seiner mehr als 550 Sonaten für Tasteninstrumente auf der iberischen Halbinsel komponiert hat. Diese besondere spanische Note und die Fähigkeit, solche Musik angemessen zu interpretieren, lag Clara Haskil im Blut.
Haskils jüdische Vorfahren, die zur Zeit der Inquisition aus Spanien vertrieben wurden, flohen zunächst ins osmanische Salonica (das heutige griechische Thessaloniki) und ließen sich schließlich, über die Türkei reisend, in Rumänien nieder. Clara Haskil wurde am 7. Januar 1895 in Bukarest geboren. Sie war die zweite von drei Schwestern. Ihre Schwester Lili spielte Klavier und ihre Schwester Jeanne spielte Geige. Über ihre Musik befragt, antworteten die treu ergebenen Schwestern stets: "Wir haben Talent, aber Clara ist ein Genie." Beide Eltern waren außerordentlich musikalisch. Sie nannten Clara nach ihrer Tante Clara Moscona, einer wunderbar talentierten Pianistin, die im Alter von 18 Jahren den ersten Preis am Bukarester Konservatorium gewann. Dies ist besonders deshalb bemerkenswert, da sie erst mit 14 Jahren mit dem Klavierspielen begonnen hatte. Clara Mosconas Können entwickelte sich rasch weiter, aber ihr Leben endete tragisch bereits mit 20 Jahren. Sie starb an Tuberkulose und hat niemals ein eigenes Klavier besessen.
Clara Haskil erbte nicht nur die schwache Gesundheit ihrer Tante, sondern auch ihr Genie. Anton Door, der berühmte Klavierlehrer, berichtete in der Neuen Freien Presse in Wien von einem "sechsjährigen Mädchen, einem Wunderkind. Sie wiederholt sofort jedes ihr vorgespielte Musikstück allein nach Gehör ohne jeden Fehler und transponiert es in jede gewünschte Tonart."
Im Jahr 1905 wurde sie am Pariser Konservatorium angenommen, wo sie im Jahr 1907 Alfred Cortots Klasse besuchte, die sie im Alter von 15 Jahren mit dem "Premier Prix" abschloss.
Auch ihre zweite und letzte Zugabe bei dem Besançon-Abend, der "Abschied" aus Schumanns Waldszenen, erwies sich als unendlich bewegend. Aber dennoch ist es vor allem ihre Wiedergabe der Schubert-Sonate, die mich nach beinahe 40 Jahren noch immer nicht loslässt.
Obwohl der Besançon-Auftritt auf Schallplatte festgehalten wurde, versteht es sich von selbst, dass keine Aufnahme wirklich in der Lage ist, einer solch vollendeten musikalischen Erfahrung gerecht zu werden. Und, so dankbar man auch für das Vorhandensein eines solch wertvollen historischen Dokumentes sein muss: Es bleibt die traurige Tatsache, dass, wenn überhaupt, kaum eine Aufnahme fähig ist, den entscheidenden magischen Faktor der künstlerischen Darbietung festzuhalten.
Clara Haskils Auftritte im Konzertsaal wurden oft als "Wunder" bezeichnet, und Wunder lassen sich nun einmal nicht wiederholen.
In den darauffolgenden Jahren, konnte ich Clara Haskil bei vielen Gelegenheiten hören. Für diese unvergleichlichen Erlebnisse schätze ich mich wirklich glücklich und für ewig dankbar.



Von links nach rechts: lgor Markevitch, Clara Haskil, Mrs. und Mr. Yul Brynner, Isaac Stem
(Foto: Archiv Feuchtwanger)